Die Wartburg bei Eisenach

Man kann sie schon aus weiter Ferne sehen und der Aufstieg zu ihr kommt einer kleinen Wanderung gleich. Die Wartburg erhebt sich am nordwestlichen Ende des Thüringer Waldes und der Ausblick über selbigen ist den Besuch schon wert. Aber lohnt es sich auch hineinzugehen?
Bis zum 5. November kann man noch die Nationale Sonderausstellung „Luther und die Deutschen“ besuchen. Und man sollte es auch tun. Ja, ich weiß, das ganze Luther-Gedöns nervt langsam. Playmobil-Luther, Quietscheentchen-Luther, Luther-Tomate. Aber diese Ausstellung ist es wirklich wert. Denn sie stellt Martin Luther nicht auf einen Sockel und verklärt ihn zum deutschen Nationalhelden, sondern setzt sich eben genau mit dieser Instrumentalisierung auseinander, der Luther schon seit 500 Jahren ausgesetzt ist. Die Ausstellung beginnt mit dem Anfang des 16. Jahrhunderts und endet nicht mit dem Tod Luthers 1546, sondern behandelt die Nachwirkung der Reformation und die Entwicklung des Protestantismus, sowie die Auseinandersetzung mit der Figur Martin Luthers bis in unsere heutige Zeit.
Die Ausstellung serviert dem Besucher nicht ausschließlich verzehrfertige historische Fakten auf dem Silbertablett, sondern auch Fragestellungen. Das ist ein schon fast gewagt progressives Ausstellungskonzept, da man vom Besucher verlangt, gerade Gehörtes oder Gelesenes zu reflektieren, aber ich hoffe, es setzt sich durch.
Es ist unglaublich viel Input und nach zwei oder drei Stunden hat man kaum noch Speicherkapazitäten, aber die Ausstellungsmacher wollten wohl nichts unter den Teppich fallen lassen. So setzt man sich auch mit dem Antisemitismus auseinander, den Luther drei Jahre vor seinem Tod noch in Schriftform gebracht hat und der im späten 19. Jahrhundert, sowie natürlich von den Nationalsozialisten immer wieder als Legitimierungsgrundlage für Judenhetze diente. Die Thematik „Juden“ findet man in einem kleinen Raum an einer Wand zusammen mit anderen aus christlicher Sicht immer wieder gern diskriminierten Randgruppen wie Türken und Frauen.
Interessant ist auch, was nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Bedeutung Luthers im geteilten Deutschland passierte. Während er in der BRD ein bisschen in der Versenkung verschwand und seine Wirkung auf den Nationalsozialismus nur mit spitzen Fingern angefasst wurde, blieb er in der DDR, wo man gerne mal die ein oder andere intakte Kirche wegsprengte, ein Nationaldenkmal. Dabei wurde er weniger als christlicher Reformator, denn als Revolutionär gesehen, der sich gegen die Obrigkeit auflehnt, indem er seine 95 Thesen an die Tür nagelt und das Volk mitreißt. Und wer immer noch denkt, dass es so gewesen ist, sollte sich ganz dringend diese Ausstellung ansehen. Oder ein Fachbuch lesen. Ich empfehle beides.
In die Sonderausstellung ist natürlich die Burggeschichte eingebaut und man durchläuft die, im 19. Jahrhundert unter Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar, restaurierten Räume. In knapp tausend Jahren Burggeschichte ist natürlich viel passiert. Es war nicht viel Schönes dabei, aber dafür kann das alte Gemäuer ja nichts. Die Wände der Wartburg sollen eben die Historizität wiederspiegeln. Zur Zeit des Wiederaufbaus der Burg war der Historismus als Kunststil total angesagt. Leider ist der Historismus kein Kunststil. Der Historismus ist die Bulimie unter den Kunststilen. Er frisst einfach alles rein (vornehmlich aus dem supermythologischen und immer glamourösen Mittelalter) und kotzt es dann wieder raus. Und diesen Haufen Erbrochenes nennt man dann Historismus. Die Elisabeth-Kemenate mit ihrem wunderschönen Mosaik einmal davon ausgenommen, denn um ein Mosaik zu gestalten bedarf es einer gewissen Kunstfertigkeit. Aber alle anderen Räume, besonders der große Festsaal, sind einfach nur schwülstig-überladen mit allen möglichen und unmöglichen Mustern, die im Einzelnen sicher schön sind, aber in der Fülle eben nicht. Zu allem Überfluss hängt auch noch die Burschenschaftsfahne mit im Raum und erinnert an das Wartburgfest von 1817 (noch ein Jubiläum dieses Jahr, yay). Die Burschenschaften sind heute wie damals ein heikles Thema. Man weiß gar nicht, ob man lachen oder mit dem Kopf schütteln soll. Aber um die Grundstrukturen und Funktionsweisen der Nationalismusbewegungen im 19. Jahrhundert darzulegen, bedarf es mehr als einem Blogbeitrag. Auch hier empfehle ich schriftliche Lektüre. (Am besten von jemandem, der mehr als nur die Youtube-Uni abgeschlossen hat.) Aber wie auch immer, liebe Wartburg, man muss die Feste feiern wie sie fallen und zünde ruhig ein großes Feuer an, aber vielleicht diesmal ohne Bücher.
Historischer Abriss

 

1067
Gründung der Sage nach durch Ludwig den Springer; Wartburg wurde Stammsitz der Ludowinger
1080
erstmals urkundlich erwähnt
1156-1162
unter Landgraf Ludwig II. entstand der Palas als Repräsentationsbau mit Wohnfunktion
1190-1216
kulturelle Blüte unter Hermann I.
1206/07
angeblicher Sängerkrieg
bis 1228
Residenz der heiligen Elisabeth von Thüringen
1318/19
Beschädigungen durch einen Brand; Reparaturen und Ausbau der Kernburg
15. Jh.
nur noch Nebenresidenz
1521/1522
Aufenthalt Martin Luthers
1817
Wartburgfest
ab 1853
Wiederaufbau der Burg durch den Architekten Hugo von Ritken
1902-1906
August Oetken schuf das Mosaik in der Elisabeth-Kemenate
1922
Gründung der Wartburg-Stiftung
1939
Gründung des Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben durch 13 Landeskirchen
1945
Schäden durch Artillerie-Beschuss
seit 1950ern
umfassende Restaurierungsarbeiten
seit 1999
Teil des UNESCO-Weltkulturerbes

 

Aufstieg durch den Liliengrund
In der Ferne
Aussicht auf das Burschenschaftsdenkmal
gleich geschafft
endlich angekommen

 

Sogar aus dem Toilettenfenster hat man eine schöne Aussicht.

 

Die Vogtei aus dem 15. Jahrhundert

 

Der Trinkwasserbrunnen
Der Bergfried und das innere Torhaus

 

Der zweite Burghof

 

Der Eingang zur Sonderausstellung hinter der Zisterne

 

Der Südturm

 

 

 

 

Die Laube des Kommandantengartens

 

Blick vom Südturm I
Blick vom Südturm II

Details aus der Elisabethkemenate. Der Raum könnte der Burgherrin als Aufenthaltsort gedient haben. Das Glasmosaik zeigt Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth.

 

 

Reste im Treppenhaus

 

Das Fenster in der Palaskapelle. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts im Obergeschoss eingerichtet, büßte der Sängersaal dadurch ein Drittel seiner ursprünglichen Größe ein.

 

Eines der schöneren Fresken: Elisabeths Abschied von ihrem Gemahl Ludwig, der mit seinem Gefolge zum Kreuzzug aufbrach und noch in Italien verstarb. Gemalt 1854 von Moritz von Schwind im Arkadengang des ersten Obergeschosses.

 

Zwischen den Elisabethfresken finden sich auch ein paar Sinnbilder für christliche Tugenden. Können sich die ein oder anderen Verteidiger des Abendlandes ja mal zu Gemüte führen.

 

 

 

 

Die Sängerlaube an der nördlichen Schmalseite des Sängersaales gestaltet von Hugo von Ritgen und Michael Welter. Die teppichähnliche Rückseite zeigt Verse aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift.

 

 

Ein Blick in den großen Festsaal mit der Burschenschaftsfahne. Die Raumausstattung bildet die idealisierte Vorstellung vom religiösen Mittelalter und den Kreuzzügen ab.

 

Das „Pirckheimerstübchen“ wurde 1863 aus einem abgerissenen Nürnberger Patrizierhaus angekauft.

 

Schon seit dem 16. Jahrhundert war die Lutherstube das Ziel frommer Pilger. Der angebliche Tintenfleck war eine beliebte Legende, die dazu führte, dass Besucher blaue Partikel aus der Wand kratzte. Der Fleck musste daraufhin schon oft erneuert werden. Touristen sind wohl in jeder Epoche irgendwie anstrengend.

 

Der Konsumterror des Abendlandes in seinem ganzen Ausmaß. Bei Playmobilfiguren ist bei mir irgendwie Schluss mit lustig. Sorry, Martin.