Sagar

Sagar
Einwohnerzahl: 810
Geburtstag: 1366 (urkundliche Ersterwähnung)
Bekannt für: …
Wohin kommen eigentlich die ganzen Gerätschaften, die vom Fortschritt überholt werden? Auf den Industriefriedhof? In ein Museum? In ein Industriefriedhofmuseum? Wenn man als technisch überholtes Produkt Glück hat, kommt man in ein Museum, in dem es Menschen gibt, die einen in Schuss halten. Sozusagen ein Industriegnadenhof. Hier wird man gehegt und gepflegt und dem zahlenden Publikum auf Wunsch auch vorgeführt. Zumindest macht man es so im Museum Sagar für Handwerk und Gewerbe. Es ist schwierig zu sagen, welches Handwerk hier nicht dargeboten wird. Dazu kommen noch historisches Spielzeug, die Feuerwehr, die Jagd- und Forstwirtschaft und der Abbau der regionalen Bodenschätze.
Das Museum befindet sich auf dem ehemaligen Sägewerksgelände des Ortes am Mühlteich. Inzwischen gehört das Gelände der Kommune und wird von einem eigenen Förderverein verwaltet. (Wo Verein drauf steht, ist ehrenamtliche Arbeit drin. Also bei Gefallen ruhig mal eine kleine Spende dalassen. Das gilt für alle kulturellen Einrichtungen dieser Art.)
Sehr beeindruckend ist die immer noch funktionstüchtige Dampfmaschine, die 1897 von der Sächsischen Maschinenfabrik vorm. Richard Hartmann AG Chemnitz hergestellt wurde. Sie treibt noch mehrere andere Maschinen in der Halle an, u. a. einen Holzschleifer, der für die Herstellung von Papier benötigt wurde. Wenn man die ganzen Maschinen in Aktion sieht, ist man dann doch nicht so traurig über die technische Entwicklung, denn sie sind unglaublich laut und geruchsintensiv.
In der Spielzeugausstellung gibt es noch ein wunderschönes Puppenhaus, das der Großvater der ehemaligen Besitzerin gebaut hat. Auch das Interieur ist handgemacht.
Auf dem Museumsgelände befindet sich noch ein Bücherflohmarkt. Wer also nichts mehr zu lesen hat oder seine Bücher tauschen möchte, ist dort gut aufgehoben. Es gilt wie immer die Regel: Man kann nie zu viele Bücher haben!

 

Sagar ist ein Ortsteil von Krauschwitz. Der Name leitet sich von der sorbischen Ortsbezeichnung Zagor/Sagor ab und bedeutet womöglich so etwas wie ‚hinter dem Berge‘. Seit seiner urkundlichen Ersterwähnung im Jahr 1366 gehörte Sagar zur Standesherrschaft Muskau.
Wenn niemand an der Kasse steht, einfach klingeln und warten.

 

Natürliche Gegebenheiten wie Waldreichtum, Wasserkraft und Bodenschätze bildeten in dieser Region die Grundlage für Handwerk und Gewerbe.
Kübelspritze um 1900
Firma G. A. Fischer, Görlitz
1947, in einer Zeit des absoluten Mangels, begann Heinrich Simmann (1883-1956, Stellmachermeister aus Keula), trotz seiner Einschränkung an der rechten Hand, mit dem Bau von „Villa Ursula“. Bei einem früheren Arbeitsunfall verlor er einen Finger, der von einem Arzt zwar wieder angenäht wurde, jedoch steif blieb.
Jeder Dachstein, jedes Möbelchen, selbst die aufwendig gearbeiteten Fenster und Türen entstanden mit einem hohen Anspruch auf Originalität.

 

Er fertigte die Möbelrohlinge aus echten Hölzern (z. B. Pflaume) und brachte die Sitze zum Polsterer. Auch legte er großen Wert auf Funktionalität. Simmans besaßen in ihrem Haus einen Tisch, der auszuziehen war. Genau diesen baute der Stellmachermeister für das Puppenhaus nach.

 

Die Werkstatt des Schumachers

 

Eine Rosshaarzupfmaschine

 

Ordnung muss sein

 

 

Zeit für den Butter-Song

 

 

Das Töpferhandwerk (etwas, was man in der Lausitz sehr gut kann)

 

unteres Foto: Kunsttöpferin Erna Pfitzinger (1898-1988)
Firstziegel

 

 

Das Schmiedewerkzeug

 

Die Dampfmaschinenhalle

 

Zwei-Zylinder-Dampfmaschine
Modell 365/2
Baujahr 1925
Deutsches Reichsgebrauchsmuster

Bad Muskau

Einwohnerzahl: 3646
Geburtstag: 1249 (erstmals urkundlich erwähnt)
Bekannt für: einen Fürsten, der Ahnung vom Gärtnern hatte; den Polenmarkt; 1 nice Neiße
Insider-Tipp: Nicht dem Parkleitsystem vertrauen, denn es folgt dem Motto: „Wenn du nicht genug Parkplätze für Besucher hast, verwirre sie mit Pfeil-Schildern.“
Wer mit der Aussicht auf ein leckeres Eis extra in den Fürst-Pückler-Park nach Bad Muskau fährt, kann sich den Weg sparen und sollte lieber zur nächstgelegen Kühltruhe pilgern. Wer jedoch Bock hat auf ein Schloss mit einem riesigen Park im englischen Stil, durch den die kürzeste Tour 45 Minuten dauert, ist hier absolut richtig.
Mit dem Fürsten auf Entdeckungstour: „Hier oben angelangt erblickt man unter sich einen See von bedeutendem Umfang mit einigen belaubten Inseln, und einer großartigen Waldansicht auf die Berge im Hintergrunde.“

 

„Wir erreichen eine neue Seite des pleasureground [so nennt Pückler sein geschmücktes Parkzentrum], an dessen Eingang eine bunte Gloriette nach Schinkels Zeichnung von ihrem Blüthenhügel in das Thal hinabschaut.“

 

Seewiese

 

 

 

Rückansicht des Schlosses

 

Kavalierhaus

 

Schlossbrücke
Die Besonderheit des Parks besteht schon allein darin, dass er inzwischen zu zwei Dritteln auf polnischem und zu einem Drittel auf deutschem Gebiet liegt. (Das ist beim derzeitigen politischen Modetrend der Abgrenzung verwaltungstechnisch schon bemerkenswert. Baut Grünanlagen, keine Mauern) Die Anlage im Stil eines englischen Parks wurde ab 1815 durch Fürst Hermann von Pückler-Muskau konzipiert und umgesetzt. Es wurden Grundstücke gekauft und Dörfer umgesiedelt. Als Fürst darf man das. Und dieser Fürst hatte durch seine zahlreichen Reisen genug Inspiration gesammelt. Leider waren viele der fürstlichen Visionen ohne das nötige Kleingeld nicht umsetzbar. Es scheint so, dass Adelige sehr oft sehr wenig Geld hatten. Vielleicht liegt dies aber auch an einer gewissen Diskrepanz zwischen dem Inhalt der Schatzkammer und dem immerwährenden Drang des Representens, welches dem durchschnittlichen Blaublüter innewohnt.
Fürst Pückler war eine sehr schillernde Person, die man beim Durchlaufen der Dauerausstellung im Neuen Schloss näher kennenlernen darf. Die Gefühle, die man beim Betrachten seiner Biographie hat, schwanken zwischen Mitleid und Bewunderung. Seine Eltern hatten ihn nie so richtig lieb. Sein Großvater mütterlicherseits war eine seiner wenigen familiären Bezugspersonen. Mit seiner adeligen Herkunft haderte er oft und verachtete die „Hofschranze“, war sich seines Standes aber durchaus bewusst und schnell beleidigt, wenn man ihn zu höfischen Festen nicht einlud. Der üblichen Grand Tour eines Adeligen durch Europa folgten viele weitere Reisen bis in den Nahen Osten und nach Nordafrika. Dabei war der Fürst oft auf sich selbst gestellt. Seine Reisetagebücher veröffentlichte er später, sowie auch andere literarische Erzeugnisse. Er war schon zu Lebzeiten ein Bestseller-Autor. Durch den Briefwechsel mit Bettina von Arnim stand er in direktem Kontakt mit den deutschen Vertretern der Romantik. Er war verheiratet mit Lucie von Hardenberg. Da der Fürst in seiner Ehefrau aber nur eine Art mütterliche Freundin sah, hatte er nebenbei noch zahllose andere Liebschaften, von denen ihn keine langfristig glücklich machte. Aus Geldnot ließen sich Lucie und Hermann sogar pro forma scheiden, damit Pückler erneut reich heiraten könne, um den Ausbau des Parks weiter zu finanzieren. Sie hatten keine Kinder. Der Ausbau ihrer Parks in Muskau und Branitz sind das, worin ihr ganzes Herzblut steckt.
Die Grundmauern des Neuen Schlosses dienten schon seit 1245 als mittelalterliche Befestigungsanlage. Fürst Pückler wollte es im Zuge seiner Landschafts- und Gartengestaltung in einen klassizistischen Bau umwandeln, musste dieses Projekt aber auf Grund des schon beschriebenen Geldmangels aufgeben. Erst sein Nachfolger der Prinz der Niederlande, Friedrich von Oranien-Nassau, wandelte das Schloss in einen Bau im Neorenaissancestil um. Zahlreiche filigrane Schmuckelemente, besonders auf dem Dach, machen das Schloss zu einem wahren Schmuckstück. So schön wie jetzt sah das Schloss aber nicht immer aus. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde das Neue Schloss geplündert und schließlich von sowjetischen Soldaten niedergebrannt. Während der DDR-Zeit wurde das es zwar enttrümmert, zu einer Restaurierung kam es jedoch nicht. Das Gebäude blieb als Ruine bestehen und wurde erst ab 1996 bis 2011 restauriert.
Auch der Park wurde durch den Zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Er diente eine Zeit lang als Anbaufläche für Gemüse. Da Polen seinen Teil des Parks als Naturschutzgebiet deklarierte, wuchs er mit der Zeit zu. Auf deutscher Seite wurde er seit den 1960er Jahren rekonstruiert und gehört seit 2004 mit dem polnischen Teil zum UNESCO-Welterbe.
Von hier entfaltet sich eine grandiose Sicht in die Tiefen des Parks. Dafür beseitigt Pückler 1815 die barocken Gärten seiner Vorgänger und gliedert die neu entstandene Schlosswiese mit einer markanten Pappelgruppe.

 

„Ich nehme an, dass man vom Schlosse ausgeht. In der Mitte tritt eine breite Treppe aus Schinkels Rampe hervor, welche auf fünfzehn Granitstufen nach dem Rasen des Bowling Green hinabführt.“

 

Seit 2009 bzw. 2010 stehen wieder zwei Löwen auf den Treppenwangen.

 

 

La Familia: links die väterliche Linie derer von Pückler, rechts die mütterliche Linie derer von Callenberg

 

Hermann Fürst von Pückler-Muskau herrscht Anfang des 19. Jahrhunderts über die Güter des beschaulichen Muskau. Doch Pückler ist nicht einfach nur Fürst – als Frauenheld, Verschwender, Reisender, Schriftsteller und vor allem als Gartenkünstler sorgt er weltweit für Schlagzeilen.

 

Fürst Pückler verschreibt dem Gärtnern sein Leben. Er bezeichnet sich als grünsüchtig, „parkoman“.
Schlossgarten
„Bei Anlegung dieses Gartens habe ich mich ganz freier Laune überlassen, und Regelmässiges mit Unregelmässigem ohne Scheu verbunden.“ Der Garten wird 1919 aufgegeben. Moderne Edelstahlelemente deuten nun Pücklers ursprünglichen Entwurf an.

 

„… wer Muskau gesehen, hat mir ins Herz gesehen.“

 

Pücklers Erlebnisse bieten Stoff für Legenden und Abenteuergeschichten.

 

Er erzählt sie allzu gern selbst, inszeniert sich in Briefen, Tagebüchern und Reisebeschreibungen.

 

Von der Hofstube zur Bibliothek
So alt die Decke der historischen Bibliothek auf den ersten Blick erscheinen mag, so stellt sie doch eine Neuschöpfung dar.

 

Die Brandstiftung im April 1945 zerstörte auch in diesem Raum fast alle Originalbefunde.

 

Die historische Stuckdecke entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts, als Curt Reinicke von Callenberg ab 1646 umfangreiche Baumaßnahmen am Muskauer Schloss veranlasste.
Fotografien, die um 1920 aufgenommen wurden, dienten als Vorlage für die Nachbildung.

 

 

Historischer Abriss
Fürst Hermann Heinrich von Pückler-Muskau
 
30. Oktober 1785
Geburt auf Schloss Muskau
Mutter: Gräfin Clementine von Callenberg
Vater: Graf Ludwig Carl Hans Erdmann von Pückler
ab 1792
schulische Ausbildung bei der Herrnhuter Brüdergemeinde in Uhyst, im Pädagogium in Halle und im Philanthropinum in Dessau
1800
Immatrikulation an der Universität Leipzig, später Abbruch
1802-1806
militärische Laufbahn als Leutnant im sächsischen Garde du Corps in Dresden
1806-1810
Grand Tour durch ganz Europa
1811
Tod des Vaters; gibt Verwaltung an Freund ab
1812
erste Reise nach England
1813
Teilnahme an der Völkerschlacht bei Leipzig
09. Oktober 1817
Heirat mit Lucie von Hardenberg
1822
Erhebung in den Fürstenstand
1825-1829
Reise durch England und Irland
1826
Scheidung von Lucie
1834-1840
Reise durch Nordafrika und den Nahen Osten
1845
Verkauf der Standesherrschaft Muskau und Umzug nach Branitz
04. Februar 1871
Tod auf Schloss Branitz
Das Neue Schloss und der Fürst-Pückler-Park

 

1245
Frühe (Wasser-) Burg
1361
Erwähnung als „veste“ (steinerner Bau)
15. Jh.
Bebauung im Bereich des heutigen Süd- und Westflügels
16. Jh.
Umbau zum repräsentativen Renaissanceschloss unter Hans Georg von Schönaich
Ende 16. Jh.
Angliederung des Nordflügels
1643
Beschädigung durch Brandstiftung
17./18. Jh.
Ausbau als barocke Dreiflügelanlage unter Familie von Callenberg
1815-1826
Großflächige Umgestaltung des Schlossareals unter Fürst Pückler
1820
Errichtung des Englischen Hauses im Park
17. April 1830
Anpflanzung dreier ca. 20 Jahre alter kanadischer Pappeln
1863-1867
Statische Sicherung und Umbau im Stil der Neorenaissance unter Prinz Friedrich der Niederlande
1919-1925
Letzter umfassender Umbau des Schlosses unter Familie von Arnim; Errichtung des Saalanbaus
1931
Erklärung von 241 ha zum Naturschutzgebiet „Muskauer Park“
1945
Zerstörung durch Brandstiftung nach Durchzug der Frontlinien; Enteignung der Familie von Arnim; Zuordnung von Schloss und Park zur Stadt Muskau
1992
Übernahme durch den Freistaat Sachsen; Notsicherung der Schlossruine
1996
Beginn der äußeren Instandsetzung
2001-2003
Ausbau des Nordflügels
2004
Sanierung der Schlossrampe; Erhalt des UNESCO-Welterbe-Titels
2005
Beginn der Fassadenarbeiten am Südflügel
2006
Aufbringung der Laterne sowie der Bekrönungsfigur auf den Südwestturm
2007
Beginn der Fassadenarbeiten am Westflügel, Fertigstellung der Ostfassade
2008
Eröffnung des Südflügels
2012
Innenausbau des Westflügels
2013
Fertigstellung des Innenausbaus des Festsaals und damit Abschluss des Wiederaufbaus des Neuen Schlosses

Zittau

Zittau
Einwohner: 27.712
Geburtstag: 1238 (schriftliche Ersterwähnung; im 10. Jahrhundert gab es dort schon einen slawischen Weiler, der aber nicht genügend Besorgtbürger aufwies, um eine Germanisierung des Slawenlandes aufzuhalten; so schnell kann’s gehen)
Bekannt für: Lage im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien a. k. a. letzte Ecke von Sachsen; Fastentücher; ein eigenes Gebirge mit einem schönen Berg
Der Handel prägte über Jahrhunderte das Leben in und um Zittau. Zoll- und Kaufmarken mit dem Zittauer „Z“ standen für zertifizierte Zuverlässigkeit.
Zu Anfang dieses Beitrags möchte ich mich bei der Stadt Zittau dafür entschuldigen, dass ich es für ein kleines langweiliges Nest gehalten habe. So langweilig war es bei meinem zweiten Besuch gar nicht. Den ersten vergesse ich einfach. Er war sowieso eher eine Verkettung unglücklicher Umstände bestehend aus Regenwetter, einem Google-Maps-losen Mobiltelefon (für partiell orientierungslose Menschen, wie mich ist das die Hölle; wie habe ich bloß immer nach Hause gefunden) und allgemeiner Übellaunigkeit meinerseits.
Beim zweiten Mal war ich besser vorbereitet und wollte mir die Zittauer Fastentücher ansehen. Aber so richtig recherchiert hatte ich nichts, außer den Öffnungszeiten der Städtischen Museen Zittau. Und wegen dieser fehlenden Recherche hatte ich gedacht, die Fastentücher seien sowas wie ein Schweißtuch von Jesus. Ich hatte mich vorher schon darüber lustig gemacht, warum ich mir ein Stofftuch ansehen soll, in das Jesus möglicherweise vor 2000 Jahren reingeniest hat. An dieser Stelle nochmals ein dickes Sorry an Zittau. Ich nehme hiermit alle dummen Witze zurück und entschuldige mich für meine Bildungslücke.
Aber genau dafür sind Museen ja da, um kulturelle Bildungslücken zu füllen. Zittau besitzt nicht nur ein Fastentuch, sondern gleich zwei. Das Kleine Zittauer Fastentuch ist im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster zu besichtigen.
wissenswertes Wissenswertes über das Kleine Zittauer Fastentuch
– monumentale Kreuzigungsszene, umrahmt von mehr als 40 Symbolen der Passion, sog. Arma              Christi
– 1573 von einem unbekannten Maler nach der Vorlage des Lütticher Künstlers Lambert Lombard         geschaffen
– einziges Fastentuch, dass von einer evangelischen Gemeinde in Auftrag gegeben wurde
– bis 1684 verhüllte es den Hochaltar in der Johanniskirche während der vorösterlichen Fastenzeit
– 1854 bis 1968 wurde es im Stadtmuseum ausgestellt
– 4,3 m x 3,4 m (15 m²)
– 1 von 7 Exemplaren des Arma-Christi-Typs weltweit
Das Kulturhistorische Museum Franziskanerkloster

 

   Nur ein Ausschnitt aus dem Kleinen Fastentuch

 

Das Museum im ehemaligen Franziskanerkloster hat aber nicht nur eins der Fastentücher zu bieten, sondern auf zwei Etagen noch die Geschichte Zittaus bzw. der Oberlausitz. Die Räumlichkeiten sind hell, aber abgedunkelt, um die ausgestellten Kunstwerke zu schützen. Das indirekte Licht lässt den Besucher aber alles erkennen. Die Infostelen sind in Erinnerung an das einst florierende Tuchmachergewerbe auf Textil gedruckt. Inhaltlich ist das Kulturhistorische Museum geordnet wie jedes Regionalmuseum: ein bisschen chronologisch, ein bisschen thematisch. Im ehemaligen Dormitorium, dem Schlaftrakt der Mönche, werden pro Raum Themen behandelt, wie zum Beispiel das Bürgertum, das Schulwesen, Handwerk und Zünfte. Teilweise waren mir die Räume ein bisschen zu voll gestellt, obwohl man dadurch erahnt, wieviel Platz so ein Mönch in seinem Zimmer hatte. Nämlich gar keinen. Und die Biedermeiermöbel muten in so einem engen niedrigen Raum schon etwas skurril an. Die Sammlung der Epitaphien und Heiligenfiguren im Kapitelsaal und der Sakristei ist sehr schön. Die Epitaphien, aus dem 17. Jahrhundert stammend, sind zum großen Teil in sehr gutem Zustand. Das habe ich in diesem Umfang auch noch nicht gesehen. Die Sonderausstellung konnte ich mir leider aus Zeitgründen nicht mehr ansehen, da ich vor der Schließung noch zum Großen Fastentuch flitzen musste (und zulange im sonnigen Klosterhof herumsaß). Ach, den Keller hätte ich fast vergessen. Dieser hatte einen sehr authentischen Geruch. Man findet einen Brunnen und diverse Folterinstrumente. Da ich mich in diesem Bereich nicht so gut auskenne, möchte ich keine Einschätzung über deren Zustand und Benutzbarkeit abgeben.

Ursula Sax (*1935)
Kruzifix, 2006
Packpapier

 

 

 Unter Hauben, über Schwellen
 Der Zittauer Jungbrunnen
Jede Zeit hat ihre Wunschbilder. Ein solches aus der Spätgotik zeigt dieser einstmals einzig beheizbare Raum im Obergeschoss des Klosters: Ein steinerner Brunnen ist das Ziel aller Kranken und Alten – vom König über die Nonnen bis zum Ziegenhirt. Die Vision vom Jungbrunnen gehörte zu den beliebtesten Themen des Mittelalters. Die Zittauer Darstellung ist nördlich der Alpen einzigartig. Wahrscheinlich wurde sie für den Aufenthalt hoher Gäste gemalt.
 
In Salon und guter Stube

 

Blick auf den Klosterhof
 Seit 1675 dient der Klosterhof als bürgerlicher Gottesacker, wo zahlreiche Kaufmanns- und Ratsfamilien ihre letzte Ruhe fanden.
 
 In einzigartiger Weise reihen sich prächtige Grufthäuser aneiander.

 

 Daniel Martin (?) (1700-1776 Klosterfreiheit/Ostritz)
Taufgestell mit Darstellungen der vier Evangelisten
um 1700
aus der Kirche Friedersorf bei Hirschfeld (nicht mehr bestehend)
Holz, polychrome Fassung

 

 

 Vesperbild/Pietà
Oberlausitz, um 1450
Laubholz, geschnitzt, teilweise mit Leinwand beklebt, Reste der farbigen Originalfassung
aus der Kirche Kleinschönau/Sieniawka
 
Ein Raum des Kellergewölbes
So, nun zum Großen Zittauer Fastentuch. Dieses kann man sich im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz ansehen. Wer sich kulturell mal so richtig gönnen will, holt sich das Kombiticket für die Städtischen Museen Zittau (das kostet 8 Euro und ist somit billiger als jedes Kinoticket; außer man geht in den Regina Palast Leipzig zum Filme gucken, dann gleicht sich das ungefähr wieder aus, aber ich schweife ab).
wissenswertes Wissenswertes über das Große Zittauer Fastentuch
– 90 Szenen des Alten und Neuen Testaments
– 1472 von einem unbekannten Meister geschaffen
– 1472 bis 1672 verhüllte es den Altarraum der Johanniskirche während der Fastenzeit
– ab 1672 im Franziskanerkloster aufbewahrt
– 1840 wurde es wiederentdeckt und als Leihgabe im Palais des Großen Gartens in Dresden                     ausgestellt
– 1873 wieder nach Zittau zurückgeholt
– 1933 letztmalige Ausstellung
– im Juni 1945 wurde es stark beschädigt, aber komplett erhalten geborgen
– 1994/95 Restaurierung
– seit 1999 wird es ausgestellt in der größten Museumsvitrine der Welt
– 8,2 m x 6,8 m (56 m²)
– 1 einzigartiges Exemplar

 

 Der Eingang zum Museum Kirche zum Heiligen Kreuz
 

 

 

 

Meine spontane Reaktion beim Erblicken des Großen Fastentuchs war einfach nur ein überwältigtes Kieferrunterklappen. 56 m² Leinen sind ziemlich viel Stoff und große Sachen sind auf den ersten Blick eben immer beeindruckend. Auf den zweiten Blick sieht man dann die wunderschöne Kunstfertigkeit der 90 Bilderszenen.

Ein sehr schlechtes Foto von einem sehr schönen Kunstwerk
 
Wenn man sich schon eine Kombikarte holt, kann man sich auch noch die totale Gönnung geben und einen Audioguide ausleihen. Der ist kostenlos. Einen persönlichen Führer gibt’s auch. Der ist nicht kostenlos. Aber wenn man Glück hat, so wie ich, platzt man gerade in die Kirche, wenn eine Führung ist. Ich wurde höflich gebeten mich hinzusetzen, ruhig zu sein und zuzuhören. Diese Erläuterungen sind schon echt nicht verkehrt. Wenn man wie ich in einem postsozialistisch-atheistischen Haushalt aufgewachsen ist, hat man nur Bibel-Halbwissen. Mein Geschichtsstudium hat daran auch nicht viel geändert, weshalb ich bei religiöser Kunst meistens die Kunsthistorikerin meines Vertrauens zu Rate ziehe. Aber der nette ältere Herr hat’s in diesem Fall auch getan. Er beschrieb fast jedes Bildchen des Tuches. Zum Beispiel, dass die Erschaffung der Welt einen Tag länger als üblich dauerte, da Gott auch noch die vier Elemente schuf. Des Weiteren erzählte er noch viel zur Herstellung und zur wechselvollen Geschichte. Das Fastentuch wurde während des Zweiten Weltkriegs gestohlen und von sowjetischen Soldaten als Saunaabdichtung benutzt. Als sie abzogen, ließen sie es im Wald zurück. Ein Spaziergänger fand es zerrissen und nass und brachte es wieder in das Zittauer Museum. Aufgrund der Feuchtigkeit sind einige der 90 Bilder fast ausgewaschen und schwer zu erkennen. Bis es in den 1990er Jahren restauriert wurde, wurde das Tuch nicht ausgestellt.
Seit 1999 kann man das Tuch wieder in seiner ganzen Größe und fast vollen Pracht bewundern und die Museumsvitrine in der es sich präsentiert steht sogar im Guiness-Buch der Weltrekorde. Ich zweifle ja ein bisschen an der Aktualität dieses Rekordes. Denn das Pommersche Museum in Greifswald hat einen ziemlich großen Teppich und der wird auch in einer ziemlich großen Vitrine ausgestellt. Aber ich bin ja bloß ´ne Frau. Was weiß ich schon von Raumvolumen.

Abschließend möchte ich noch mein Highlight benennen. Neben den zwei bemalten Tüchern natürlich. Es kommt in der Gesamtpräsentation ein bisschen schlecht weg, aber ist trotzdem etwas Besonderes. Es handelt sich dabei um die Kirche zum Heiligen Kreuz in der das Große Fastentuch ausgestellt ist. Diese Kirche ist eine sogenannte Einsäulenkirche, das heißt das ganze Gebäude wird nur von einer Säule getragen. Auf diese Säule läuft man beim Betreten des Gebäudes direkt zu. Diese Kirchenart ist inzwischen sehr selten geworden. Als die Gemeinden anwuchsen und mehr Raum brauchten, hat man meistens die alte Bausubstanz abgerissen und ein größeres Gebäude, z. B. eine gotische Hallenkirche, gebaut. Die kleine, mehr als 600 Jahre alte Kirche hat auch eine ziemlich interessante Geschichte und sieht ein bisschen heruntergewirtschaftet aus, da sie während der DDR-Zeit leer stand und als Treffpunkt für Jugendliche diente, die darin Lagerfeuer anzündeten. Auch der die Kirche umgebende Friedhof ist ziemlich überwachsen und strahlt so einen wunderbaren morbiden Charme aus.

 Die Säule
 

 

Zittau hat noch viel mehr zu bieten als diese zwei Fastentücher. Noch viele Kirchen und viele schöne restaurierte Häuser und deshalb bleibt mir am Ende dieses Beitrages nur zu sagen, „Heute ist nicht alle Tage…“ (wer nicht weiß, wie dieses Zitat weitergeht, hatte keine rosarote Kindheit).