Seifertshain

Geburtstag: 1295

Einwohnerzahl: 368

Bekannt für: eine der vielen Klitschen rund um Leipzig zu sein

Wenn es ein Themengebiet gibt, bei welchem ich noch nie die Kot-Phrase „Früher war alles besser“ gehört habe, dann ist es der medizinische bzw. Gesundheitsbereich. Da fallen keine Sätze wie „Wisst ihr noch damals, als die Nachbarn während der Pest eingemauert wurden?“ oder „In der guten alten Zeit waren die Schulräume noch nicht so voll. Die meisten Kinder sind sowieso kaum ins Grundschulalter gekommen.“. Auch wenn mir in diesem Jahr wieder bewusst wurde, dass einige Menschen mit den hygienischen Grundlagen (regelmäßig Hände waschen, nicht in fremde Gesichter niesen) immer noch sehr sehr überfordert sind, hat sich doch im Bereich Gesundheitswesen in den letzten Jahrhunderten einiges getan. Das merkte ich im Besonderen, als ich in der kurzen Museumsöffnungsphase des Sommers 2020 das Sanitäts- und Lazarettmuseum in Seifertshain bei Leipzig besuchte.

Das Sanitäts- und Lazarettmuseum

Wie viele kleine Ortschaften rund um Leipzig, war auch Seifertshain von den militärischen Auseinandersetzungen während der Völkerschlacht im Jahr 1813 betroffen. Und wie in vielen anderen Ortschaften sind die Spuren auch noch sichtbar bzw. wird deren Sichtbarkeit gepflegt. (Weitere „Völkerschlachtorte“ sind z. B. Bad Düben, Großgörschen, Markkleeberg, Rötha oder Wachau)

In Seifertshain beschäftigt man sich nicht mit den großen Schlachtenlenkern oder dem Verlauf des Gemetzels, sondern mit dem was der Krieg verursacht und hinterlässt: zerstörte Leben, zerstörte Landschaften, jede Menge Leid.

Als Grundlage für die thematische Ausrichtung des Museums dient der Bericht „Was wir erlebten im Oktober 1813“ der Pfarrerstochter Auguste Vater (1797-1876), die damals in Seifertshain lebte. Des Weiteren dienten viele Häuser im Dorf während der Schlacht als Lazarette.

Das Museum, welches sich in der alten Dorfschule befindet, gliedert sich im Obergeschoss in vier Räume. Sehr anschaulich werden verschiedene Themen vermittelt: Welche Waffen wurden während der Völkerschlacht benutzt? Wie funktionierte überhaupt das Lazarettwesen im frühen 19. Jahrhundert? Welche medizinischen Möglichkeiten und Entwicklungen gab es damals? Wie erging es der Zivilbevölkerung während und nach der Schlacht?

Auch wenn das Museum klein ist, ist es hervorragend konzipiert. Nach seiner Ersteröffnung im Jahr 1995 in der alten Scheune, wurde es im Jahr 2002 in die frisch sanierte ehemalige Dorfschule verlegt und im Rahmen des Völkerschlachtjubiläums im Jahr 2013 umfassend modernisiert. Mein persönliches Highlight war der Raum 1 „Waffen und Wirkungen“, in dem alle Waffen auf die Besucher*innen gerichtet sind. Das war kein sehr schönes Gefühl, aber dafür ein sehr eindrückliches Erlebnis.

Die Alte Dorfschule erfüllte ihre pädagogische Aufgabe von 1868 bis 1968. Seit dem Jahr 2002 dient sie als Museum.

Die Alte Dorfschule erfüllte ihre pädagogische Aufgabe von 1868 bis 1968. Seit dem Jahr 2002 dient sie als Museum.

Während meines Besuches war noch die Sonderausstellung "'Befinden ausgezeichnet - Kriegslazarett 54, Abtlg. b, Gustav'. Streiflichter auf das Sanitätswesen im 1. Weltkrieg" zu sehen.

Während meines Besuches war noch die Sonderausstellung „‚Befinden ausgezeichnet – Kriegslazarett 54, Abtlg. b, Gustav‘. Streiflichter auf das Sanitätswesen im 1. Weltkrieg“ zu sehen.

Raum 1 - Waffen und Wirkungen. Auf dem Foto wird nicht einmal ansatzweise deutlich, wie beängstigend es ist, wenn mehrere Waffen auf einen gerichtet werden.

Raum 1 – Waffen und Wirkungen. Auf dem Foto wird nicht einmal ansatzweise deutlich, wie beängstigend es ist, wenn mehrere Waffen auf einen gerichtet werden.

Raum 3 - Die Zivilbevölkerung. In diesem Raum sind u. a. verschiedene Dioramen zu bewundern. Hier zu sehen ist das Diorama "Österreichisches Feld-Lazarett um den 18. Oktober 1813 im Landgasthof und der Postausspanne Seifertshain" zu sehen.

Raum 3 – Die Zivilbevölkerung. In diesem Raum sind u. a. verschiedene Dioramen zu bewundern. Hier zu sehen ist das Diorama „Österreichisches Feld-Lazarett um den 18. Oktober 1813 im Landgasthof und der Postausspanne Seifertshain“ zu sehen.

Da Wundbrand im Lazarett oft unvermeidbar war, musste meistens die Knochensäge ran. *ritscheratsche*

Da Wundbrand im Lazarett oft unvermeidbar war, musste meistens die Knochensäge ran. *ritscheratsche*

Eine Kopie des Berichtes der Auguste Vater und ihre Eltern im Hintergrund

Eine Kopie des Berichtes der Auguste Vater und ihre Eltern im Hintergrund

Nicht nur Menschen kommen in Kriegen um, sondern auch Tiere. Hier zu sehen ist das Skelett eines Pferdes vom Südlichen Schlachtfeld 1813 in der Nähe von Güldengossa. Das Skelett ist komplett erhalten inklusive tödlicher Schrapnellkugel.

Nicht nur Menschen kommen in Kriegen um, sondern auch Tiere. Hier zu sehen ist das Skelett eines Pferdes vom Südlichen Schlachtfeld 1813 in der Nähe von Güldengossa. Das Skelett ist komplett erhalten inklusive tödlicher Schrapnellkugel.

Was passierte nach der Schlacht? Da begann das große Sammeln bei den Überlebenden. Leichenteile wurden für die Beerdigung zusammengesammelt. Andere sammelten Metall, Kleidung und weitere verwertbare Dinge.

Was passierte nach der Schlacht? Da begann das große Sammeln bei den Überlebenden. Leichenteile wurden für die Beerdigung zusammengesammelt. Andere sammelten Metall, Kleidung und weitere verwertbare Dinge.

Im Außenbereich des Schulgebäudes befindet sich in der alten Scheune ein nachgebauter Transportwagen für Verwundete.

Im Außenbereich des Schulgebäudes befindet sich in der alten Scheune ein nachgebauter Transportwagen für Verwundete.

Hinter dem Museum wurde ein Arznei- und Heilpflanzengarten angelegt.

Hinter dem Museum wurde ein Arznei- und Heilpflanzengarten angelegt.

Was gibt’s noch zu sehen?

Im Museum erhält man einen Plan für einen historischen Dorfrundgang. Zu diesem Rundgang gehören insgesamt neun Punkte.

Die Laurentiuskirche

Die barocke Kirche wurde in den Jahren 1785 bis 1787 erbaut. Der Vorgängerbau stammte wohl aus dem Jahr 1560. Die allererste Kirche in Seifertshain stand bereits im Jahr 1295 und bildet damit auch die erste Erwähnung des Dorfes überhaupt.

Die Kirche war bei meinem Besuch zum stillen Gebet geöffnet. Dies kommt bei Dorfkirchen nicht mehr so oft vor, da häufig Altargerät und andere Silbergegenstände geklaut wurden. Falls meine liebe Leserschaft diese Kirche besucht, bitte ich darum, alles an seinem Platz zu lassen. Ist dem Hausherren gegenüber einfach höflicher.

Die Kirche ist klein und schlicht. Die Kanzel befindet sich hinter dem Altar. Ein Altargemälde fehlt ganz. Dafür gibt es wunderschöne Buntglasfenster.

Auf dem Friedhof um die Kirche herum befinden sich noch einige alte Gräber und Gedenksteine.

Kirchtürendetail

Kirchtürendetail

Das Grab des Grafen Alberti de Poja

Bei dem Adelsgeschlecht Alberti de Poja handelt es sich um ein französisches Geschlecht, welches aber vor allem In Italien und Österreich zu Ansehen gelangte. Ein österreichischer Graf aus dem Geschlecht fiel bei der Völkerschlacht in der Nähe von Seifertshain und wurde hier beerdigt. Die Grabstein-Inschrift besagt Folgendes: „Hier ruht Graf Caj. Alberti de Poja / K.K. Lieutenant / im österr. Dragoner-Regiment / geb. 1791 in Pergine S-Tirol / Gefallen am 14. Oktober 1813“.

Das Massengrab mit dem Gedenkstein 1813

Wenn man kein adeliger Kriegsherr ist, bekommt man kein aufwändig gestaltetes Einzelgrab, sondern landet mit allen anderen einfachen Soldaten in einem Massengrab ohne Namen.

Das Denkmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges

Wie in jedem anderen Dorf findet sich auch hier ein Gedenkstein für die Generation junger Männer, die man vor über einhundert Jahren gedankenlos in den Tod schickte.

Die Grabstelle des Pfarrer-Ehepaares Vaters

Die Eltern der Auguste Vater fanden ihre letzte Ruhestätte außerhalb der Chorseite der Laurentiuskirche.

Das Pfarrhaus

Das Pfarrhaus stammt aus dem Jahr 1752. Hier lebte auch Auguste Vater. Eine Gedenktafel an der Hofeinfahrt erinnert noch an sie.

Die Toreinfahrt des Pfarrhauses. Rechts neben der Tür ist die Gedenktafel zu sehen.

Die Toreinfahrt des Pfarrhauses. Rechts neben der Tür ist die Gedenktafel zu sehen.

Zum Abschluss

Auf meinem Rundgang durch das Dorf ist mir am Dorfteich noch ein kursächsischer Viertelmeilenstein aufgefallen. Im Dorf hat es eine sogenannte Postausspanne gegeben. Mehr Informationen dazu sind sehr willkommen.

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